2018

Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts Band 74: Ein preußischer Gesandter in München. Georg Freiherr von Werthern 1867-1888. Herausgegeben und bearbeitet von Winfried Baumgart. Duncker & Humblot, Berlin 2018, 531 Seiten, geb. EUR 119,90

ISBN 978-3-428-15444-9

Georg Freiherr von Werthern war von 1867 bis 1888 preußischer Gesandter in München, hatte also den bedeutendsten innerdeutschen Diplomatenposten inne. Er war von Bismarck zwar für höhere Posten bestimmt – Wien, Konstantinopel, sogar für das Staatssekretariat des Auswärtigen –, lehnte jedoch aus privaten Gründen ab, vor allem aber, weil ihm das angenehme gesellschaftliche Leben in der bayerischen Hauptstadt gefiel, wo er mit den Malern Kaulbach und Lenbach, mit dem Historiker Ranke und anderen verkehrte.

Die Quellen umfassen Auszüge aus seinem Tagebuch und seine vertraulichen und geheimen Berichte an Bismarck. Sie bieten u.a. bisher unbekannte Einzelheiten über die Haltung des bayerischen Königs, Ludwig II., zur deutschen Reichseinigung, über diverse Audienzen bei ihm und über dessen Tod am 13. Juni 1886 im Starnberger See. Die Quellen über die Todesumstände ergeben den klaren Indizienbeweis, dass der König seinen ihn begleitenden »Irrenarzt«, Dr. Gudden, erwürgt hat und selbst an einem Herzschlag gestorben sein dürfte.


Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 99: Christian Lüdtke: Hans Delbrück und Weimar. Für eine konservative Republik - gegen Kriegsschuldlüge und Dolchstoßlegende. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. 432 Seiten, geb. EUR 70,00 ISBN 978-3-525-37063-6

Hans Delbrück (1848–1929) positionierte sich in den drei wichtigsten politischen Debatten der Weimarer Republik als konservativ-liberaler Intellektueller. Erstens formulierte er als ein bedeutender Vernunftrepublikaner Vorschläge für den neuen Staat in Aussöhnung mit dem alten Kaiserreich. Delbrück sah die Unterstützung der Republik als »historische Notwendigkeit« an und blieb zugleich von der Staatsform Monarchie überzeugt. Damit entwickelte er Anknüpfungspunkte für die bürgerliche Mitte zur Akzeptanz Weimars. Außenpolitisch kämpfte Delbrück zweitens gegen die alliierte These der deutschen Allein-Kriegsschuld. Deutschland trage nicht mehr Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs als andere. Delbrück wollte Deutschland wieder den Status einer gleichberechtigten Großmacht geben, um zu verhindern, dass das Reich aufgrund einer außenpolitischen Isolation erneut in gefährlich radikales Fahrwasser geriet. Drittens wurde Delbrück Vorkämpfer gegen die Dolchstoßlegende. Als führender (ziviler) Militärhistoriker belegte er, dass Deutschland eine militärische Niederlage erlitten hatte, der die Revolution folgte. Er tat dies, obwohl ‒ oder erst recht weil ‒ er konservativ gesinnt war: Gerade weil Delbrück so sehr am alten Reich hing, wollte er die Schuldigen für den Zusammenbruch nicht aus der Verantwortung entlassen. Delbrücks Ideen ‒ für eine konservative Republik, gegen Kriegsschuldlüge und Dolchstoßlegende ‒ boten eine vielversprechende Alternative für die Stabilisierung der Weimarer Republik, jenseits der revolutionären von links und der zerstörerischen von rechts. Insofern versucht die Studie eine neue Akzentuierung der Chancen der Weimarer Republik.

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