Forschungsprojekt: Akten der Reichskanzlei 1890-1918

Die Reichskanzlei in der Wilhelmstr. 77 in Berlin, häufig nach dem Bauherrn bzw. dem letzten…

Die Reichskanzlei in der Wilhelmstr. 77 in Berlin, häufig nach dem Bauherrn bzw. dem letzten Besitzer auch Palais Schulenburg bzw. Palais Radziwill genannt (Deutsche Fotothek/Unbekannter Fotograf)
Forschungsschwerpunkt
Akten der Reichskanzlei 1890-1918
Das 2026 gestartete Projekt widmet sich dem Aufbau und der Verwaltungskultur der Reichskanzlei sowie ihres Beamtenkorpus im Kaiserreich nach dem Ende der Kanzlerschaft Otto von Bismarcks. Es schließt an die bereits komplett vorliegenden
Akteneditionen für die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus an. Mittels
thematischer Tiefenbohrungen soll das äußerst komplexe politische System des Kaiserreichs nachvollziehbar gemacht werden.
Quellengrundlage
Vorrangig stützt sich die Edition auf den Bestand Reichskanzlei im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde. Die Aktenedition möchte so einen Beitrag dazu leisten, die in der Forschung jüngst wiederaufgeflammte Debatte über die Beurteilung des Kaiserreichs auf eine deutlich breitere Quellengrundlage zu stellen.
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Pilotprojekt: Die Amtszeit des Reichskanzlers Leo Graf von Caprivi (1890–1894)
Leo Graf von Caprivi gilt in der Forschung als Initiator eines „Neuen Kurses“ in Abkehr von der Politik Bismarcks. Vor allem der Abschluss von Handelsverträgen, unter anderem mit Österreich-Ungarn und Russland, trug wesentlich dazu bei, das Deutsche Reich von einem Agrar- zu einem Industriestaat zu transformieren. Caprivi fehlte es jedoch im Reichstag an einem stabilen politischen Rückhalt. Er stand daher vor der schwierigen Aufgabe, sich von Fall zu Fall eine Mehrheit zu beschaffen. Eine zusätzliche Herausforderung stellten der zunehmende Einfluss von Interessenverbänden sowie die neu entstehenden radikalnationalistischen Massenorganisationen dar. Mit Wilhelm II. regierte zudem ein Kaiser, der den Anspruch erhob, selbst die Politik zu gestalten.

Leo Graf von Caprivi. Foto: © Deutsches Historisches Museum

Leo Graf von Caprivi. Foto: © Deutsches Historisches Museum
Digitale Quellenedition
Schwerpunkte
Die von Wilke Tepelmann bearbeitete digitale Quellenedition fokussiert sich auf die Finanz-, Kolonial-, Militär-, Personal- und Wirtschaftspolitik in der Ära Caprivi. Anhand dieser Themenfelder soll veranschaulicht werden, welche Instanzen bei der Initiierung und Durchführung politischer Projekte maßgeblich waren bzw. über welche Handlungsspielräume sie verfügten. Neben der Reichskanzlei selbst werden vor allem die Reichsämter und die (preußischen) Ministerien sowie die extrakonstitutionellen Institutionen (z.B. das Geheime Zivilkabinett) miteinbezogen. Abseits der Reichsbehörden werden zudem die Einflüsse von Interessenverbänden in den Blick genommen (z.B. Frauenbewegung und Kolonialvereine).
Ein zweiter Editionsschwerpunkt widmet sich dem Beamtenkorpus der Reichskanzlei. Er beleuchtet deren Alltag, die Rekrutierung, Arbeitsbedingungen und -routinen sowie die familiären Verhältnisse und die Vernetzung der Beamten.